Mai 2008


und manche Leute haben Jahre lang studiert, fürchterlich viele Jahre Berufserfahrung auf dem Buckel, ja gelten sogar als Spezialisten auf ihrem Gebiet im Großraum Melbourne und finden ihre Kleidung völlig angemessen. Was sollten sie auch sonst als Kinderarzt in warmen Ländern tragen, als Shorts, Sandalen und kurzärmelige Hemden?

Vor einigen Monaten mussten John und ich mit Jaime zu einem Kinderarzt, was in Australien eher nicht die Regel ist, da auch Kinder von Hausärzten behandelt werden, sofern es sich nicht gerade um eine typische Kinderkrankheit oder um eine Operation handelt. Vom Namen her dachte ich er wäre zumindest deutschstämmig und habe mich insgeheim darauf gefreut einen Plausch auf Deutsch zu halten. Zu meiner Enttäuschung war er Brite und sprach garantiert keinen Piep meiner Muttersprache. Das hätte ich aber auch gewusst, bevor er den Mund öffnete, denn er erschien vor uns in Khaki-Shorts, kurzärmeligem feineren Hemd - selbstverständlich sorgfältig in den Hosenbund gefriemelt - Sandalen und weißen kniehohen Wollstrümpfen, gewissenhaft einmal umgekrempelt. Sein Schmetterlingsnetz und Tropenhelm hatte er entweder in Ägypten, Kenia oder Indien vergessen.

Mein stummes Mantra: Hoffentlich sagt Jaime jetzt nix, hoffentlich sagt Jaime jetzt nix…zeigte Wirkung - zumindest bis ich die Praxistür öffnete und der Arzt ausser Hörweite war.

Jaime: “Der hatte Kniestrümpfe an.” Ich: “Was du nicht sagst.” John: “Where the fuck do these people buy their clothes?”

Man stelle sich einen derart gekleideten Mann in seinen 50ern vor, wie er nach der Arbeit nach Hause kommt und seiner leicht breithüftigen Faltenrock gekleideten und auch ansonsten völlig unscheinbaren Jane, die aus Prinzip dunkelblaue Bommel-Schuhe aus dem Reformhaus trägt, gierig an den Hintern fasst. Also wenn euch das gelingt…mir nicht…aarrgh

 

 

 

Langsam wird es dringlicher, dass Jaime nach Hause möchte. Grad heute morgen fragte er mich hoffnungsvoll, ob es nicht schon Mitte Juni wäre. Da ich nun doch nicht als Hundesitterin gebraucht werde, stünde einem früheren Rückflug eigentlich nichts im Wege. Wenn da nicht meine fürchterliche Trägheit wäre den Telefonhörer ans Ohr zu pressen und bei Emirates meinen Flug umzubuchen. Die Vorstellung in den nächsten Tagen meine Sachen zu packen, Abschied zu nehmen, zu wissen, dass ich vorläufig nicht wiederkommen werde, vielleicht sogar meine Großmutter zum letzten Mal lebend gesehen zu haben, tja…also…die lässt mich, so unnachvollziehbar es für den einen oder anderen sein mag, weiterhin stumpf auf dem Sofa hocken und immer träger werden. Sie lässt mein Gehirn auf Sparflamme arbeiten, die Augen feucht werden. Der Unwille wieder in meinen Alltag zurück zu kehren, auch wenn er mir doch irgendwie fehlt, breitet sich aus wie mein Hintern auf dem Sofapolster.

Ich würde mir wünschen dieses hin- und her gerissen sein würde endlich ein Ende nehmen. Seit 10 Jahren gehts mir so und kein Ende in Sicht. Liegt es denn wirklich nur an mir oder gehts allen Migranten so? Was ich nicht haben kann will ich jetzt und was ich habe weiß ich nicht zu schätzen?

Bald nur noch über Telefon und Internet mit der Familie in Verbindung zu stehen ist auch nicht verlockend. Es kann auch ganz schön nervig sein. Der Zeitunterschied setzt Planung voraus, das alleine nervt schon. Dass in den vergangenen fünf Jahren nicht eine Person zu uns gekommen ist, ist eigentlich piss poor  wie ich finde. Ich habe das Gefühl, dass ich immer in Wartestellung bin. Ich will nicht mehr warten und auch nie wieder fragen: “Wann kommst du denn?”

Warum bin ich eigentlich so doof und verbrate regelmäßig eine große Summe Geld, von der andere Leute locker vier Wochen im super Hotel auf den Fiji-Inseln Urlaub machen können - Vollpension - versteht sich. Und warum nehme ich mich wichtiger, als andere? War denn nicht ich diejenige, die gegangen ist? Muss es nicht so sein, dass dann auch ich kommen muss und man niemandem einen Vorwurf daraus machen kann, dass sie ihre Prioritäten anders setzen - zum Teil auch müssen, das will ich nicht verschweigen. Ich habe das Gefühl es wird sich in Kürze etwas Wesentliches in meinem Leben (ver)ändern. Vielleicht geht das bei mir immer nur im 10-Jahres-Rhythmus - vielleicht muss das so sein. Viele solcher Rhythmen werde ich wohl nicht mehr erleben - da muss ich zu sehen, dass ich den ganzen Prozess demnächst in 5 Jahresabständen schaffe - in zwei Jahren wäre natürlich noch besser.

Die Tage liege ich im Bett und lese mich durch ein paar Kurzkrimis aus der Boxanthologie. Kommt Jaime ins Zimmer und meint: “Findste das nicht ein bisschen komisch dein eigenes Buch zu lesen?” “Das ist doch nicht mein Buch, ich hab’ doch nur einen Text drin!” “Ach so.” Dieses “ach so” hörte sich aber sehr erleichtert an, wie ich fand. Was denkt das Kind denn von mir?

weiß man, dass es Zeit wird sich vom Sofa zu erheben und mal wieder eine Runde zu laufen. Leider bin ich nur im Schneckentempo vorangekommen, da der inzwischen 11 Wochen alte Enzo nicht nur jeden Baum, sondern auch jeden Grashalm ausgiebig beschnüffelt hat. Was mich natürlich wieder an die Kleinkindzeit meiner Kinder erinnert hat, die haben zwar nicht geschnuppert, aber den “Zangengriff” ausgiebig beim spazieren gehen geübt.

Irgendwie ist mir heute etwas übel. Ich hoffe nicht, dass ich noch krank werde. Kann ich nicht gebrauchen. Was ich allerdings schon mal wieder gebrauchen könnte wäre Sex. Aber wie das so ist, wenn man Sex haben kann, will man keinen ;-)

Million Dollar Mama - die Krimi-Anthologie zum Thema Boxen, herausgegeben von Franziska Kelly und Max Herfert.

Ein Kurzkrimi von mir ist auch dabei. Wer hätte das gedacht?

unsichtbar? Ein Trottel, der Geld loswerden oder eine simple Auskunft möchte verdient keine professionelle Freundlichkeit. Der ist lästig der Mensch, der da vor einem steht. Was will der überhaupt hier? Hat der kein Zuhause?

Oberstes Oz-Tusse-Gesetz

  1. Der Kunde wird zuerst begrüßt - nicht umgekehrt. Stummes anglotzen des Kunden macht Kunden aggressiv.
  2. Spricht der Dienstleister mit einem Kunden am Telefon und ein neuer Kunde betritt das Büro, ist es oberstes Gebot dem Kunden entweder durch ein kurzes Lächeln, Nicken, Hand heben oder was einem sonst einfallen kann (am Kopf oder Hintern kratzen ist nicht vertrauenseinflössend), zu signalisieren Ich hab’ dich gesehen und kümmere mich gleich um dich. Blickkontakt herzustellen ist entgegen landläufiger Meinung der Dienstleister in Deutschland bei Kunden jedweder Altersklasse nicht verpönt.
  3. Man sollte in der Gegenwart von Kunden weder über Arbeitskollegen, noch über andere Kunden lästern. Da drängt sich mir jedes mal die Frage auf: Was sagen die über mich, sobald ich meinen Luxuskörper aus der Tür gedreht habe? Zweiter Gedanke - aber den verrate ich nicht - who the fuck cares, was Linda Dauerwelle über mich denkt?

Es ist schon ein Kreuz, was einem alles ins Auge springt, wenn man aus einem servicefreundlichem Land auf Visite in Deutschland ist.

Highlights des gestrigen Tages…

freundlich und professionelle Bedienung im italienischen Restaurant. Dito im Eiscafé. Dito bei der Bootstour. Nur die zwei anderen Paare waren nach über eine Stunde genervt, dass die einstündige Bootsfahrt eine halbe Stunde länger dauerte. Ich frage mich, wie kann man nur genervt sein, wenn man etwas umsonst bekommt? Meine Mutter, mit der ich die Bootstour gemacht hatte rollte auch nur genervt mit den Augen und meinte: “Hooch, dass es auch immer Leute gibt, die nicht zuhören!” Tatsache war, der Bootsführer hatte extra angekündigt, dass unsere Tour ca. eine halbe Stunde länger dauern würde, weil noch eine Horde Kinder dazusteigen würde, die Geburtstag feierten. Die halbe Stunde mehr kam dadurch zu Stande, dass er mit dem Boot und uns als Passagiere noch kurz zur “Insel” fahren musste, um dort den “Piratenschatz” zu vergraben, den die Kinder natürlich zum Ende der Tour hin ausgraben sollten. Dabei war uns freigestellt, am Steg zu warten, es wurde niemand gezwungen vorzeitig aufs Boot zu gehen.

Was total peinlich und für meinen Geschmack mal wieder typisch Deutsch war, war die Tatsache, dass der Bootsführer die wartenden Passagiere “vorgewarnt” hatte. “Es kommen noch 10 Kinder an Bord. Wem das etwas ausmacht, der sollte lieber ein anderes Mal Boot fahren.” Für mich hörte sich das so an wie “Entschuldigung, dieser Planet ist auch von Kindern bevölkert. Wer eine Aversion gegen seine kindlichen Mitbürger hat, sollte tunlichst das Weite suchen.” Ein Paar ist daraufhin tatsächlich gegangen. Zwei andere meinten, nö also wirklich… nö warum sollten denn die Kinder stören? Sind doch auch Menschen. Das waren dann die, die nicht richtig zugehört hatten hehe. Jaime hatte übrigens die Fahrt umsonst bekommen, wobei er eigentlich hätte bezahlen müssen. Zwar nur 3 €, aber ich fands richtig nett und hab mich gefreut.

Lust auf Sex kann einem zum Beispiel vergehen, bevor es überhaupt so richtig losgegangen ist, wenn der Unterhosenstil des Auserwählten so richtig peinlich ist, die Körperhygiene zu wünschen übrig lässt, dir in den Sinn kommt Size does doch matter oder du dich fragst, ob er jetzt deine Vagina mit seiner Heimwerkstatt verwechselt.

Beim lesen vergeht mir die Lust, wenn sich wenige Wörter zu Sätzen aneinander reihen, sich diese kurzen Sätze über 300 Seiten hinziehen und sich so überhaupt kein Lesevergnügen einstellen will. Spätestens wenn ich ab Seite 70 anfange zu überblättern und hier und dort noch einmal quer lese, immer noch nicht zufrieden bin und anfange rückwärts zu blättern, bis ich die Stelle finde, an der die Handlung erklärt wird, dann weiß ich, dass ich ein saulangweiliges Buch gekauft habe. Und dann ärgere ich mich. Und wie! Warum habe ich dieses blöde Buch gekauft? Weil ich im Land der Schafzüchter lebe und mir dachte Hey, nette Idee, so ein Buch aus der Sicht von Schafen? Das kann doch nur gut sein. Hat sogar auf der Spiegelbestsellerliste gestanden. Tief in meinem Innern habe ich allerdings sehr wohl gewusst, dass dies kein Indiz, keine Garantie dafür ist, dass auch mir das Buch gefällt.

Glennkill könnte genauso gut Joykill heißen und war für mich ein einziger Reinfall. Ob die einfachen kurzen Sätze ihr Dasein der Tatsache zu verdanken haben, dass der “Krimi” aus der Sicht der Schafe erzählt wird und es sich hiermit um eine absichtlich simple Wortwahl handelt, die einer talentierten Sechsklässlerin keine Konkurrenz ist oder es tatsächlich nicht anders ging, werde ich nie ergründen können. Eine zweite Chance bekommt diese Jungautorin bei mir nicht. Dennoch - es mag mir vielleicht niemand abnehmen - gönne ich ihr den Erfolg. Mein Geschmack, mein Urteil ist nicht Maß aller Dinge und da Geschmack und Anspruch bei den Menschen individuell ist, mag es durchaus für den einen oder anderen Leser das Buch des Jahres gewesen sein.

im Flur, sehe ich auf den Fotos, die Marco mir zugeschickt hat. Yo wir haben ja auch nur 3 Schuhregale im Eingangsbereich stehen, dass seine 8 Elbkähne unbedingt mitten im Weg herumstehen müssen. Dazu noch ein Foto von der Sorte Dosensuppe, die er angeblich morgens, mittags und abends isst. Wer’s glaubt wird selig, John arbeitet sich bestimmt Blutblasen am Herd. Aber das neue Wohnzimmerfenster, das er fotografiert hat, sieht gut aus.

Meine Pläne früher nach Hause zu fliegen haben sich in Luft aufgelöst. Bald muss ich Hundesitter spielen, weil mein Schwager ins Krankenhaus muss  und operiert wird. Da auch meine Schwester sich Blutblasen als Ergotherapeutin arbeitet  und bescheuerte Arbeitszeiten hat, habe ich - was tut man nicht alles für die Familie - zugesagt. Naja, auch schön mal gebraucht zu werden, trotzdem schade für Marco und John und auch Jaime möchte hin und wieder doch jetzt so langsam nach Hause. Mir geht leider auch so langsam das Geld aus, was mich, wie man sich denken kann, doch etwas betrübt.

wurde Jaime von einem Kind aus der Nachbarschaft gefragt. Jaime:”41″. “Was soo alt?”

:-)

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