aber ganz ehrlich, entweder lege ich mir ein dickeres Fell zu oder klemme mir ne Wäscheklammer auf die Nase. Ich weiß, dass du nichts weißt, nichts verstehst, auch wenn ich es dir erkläre - langsam und deutlich wie einem Kleinkind - zweisprachig wenns sein muss - und glaub mir, es tut mir mehr weh, als dir. Ich habe aber in den letzten Wochen gemerkt, dass wenn du mich mit deinen braunen Augen anschaust, gar nicht wirklich mich siehst, sondern nur auf diese eine Reaktion von mir wartest - manchmal auch nur eine Gestik, ein Fingerschnipsen. Es tut mir in der Seele weh, wie abhängig du bist. Wenn du bei mir bist, fühlst du dich sicher und geborgen, schläfst schnell ein, manchmal träumst du auch laut. Und wenn ich dir sage: “Geh”, dann gehst du mit hängenden Schultern, stolperst mit deiner steifer gewordenen Hüfte die zwei Stufen zur Küche hinunter. Aber dort liegst du leider immer im Weg, keine Schranktür lässt sich öffnen, keine Backofentür, keine Spülmaschine. Warum du dir ausgerechnet immer den kleinsten Platz aussuchen musst - ich weiß es nicht. Als würdest du dich in dieser kleinen U-förmigen Küche unsichtbar machen wollen, so unsichtbar wie ich mich manchmal unter Menschen fühle, auch wenn ich mit geradem Rücken und Schultern durchs Leben gehe.
In gewisser Weise habe ich mich an deinen - tut mir leid - Gestank gewöhnt. Aber das du regelmäßig in meiner Gegenwart furzt, kann ich wirklich wirklich nicht mehr haben. Es ist dieser penetrante Geruch, der sich plötzlich von hinten heranschleicht, über meine Schulter hinweg in meine Nase wabbert. Beinahe meine ich ihn sehen zu können, den Gestank, der sich minuten - nicht sekundenlang - in meine Riechrezeptoren festsetzt, mich so fest im Griff hat, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, dann wird es Zeit, dass ich dich hinauswerfe und dir gnadenlos die Tür vor der Nase zuschlage.
10 Jahre kennen wir uns schon. Ich habe immer deine Schnelligkeit bewundert, deine Muskeln, die sich beim Rennen unter deiner Haut abzeichneten, deine Ausdauer und Neugierde. Wir sind beide langsamer geworden, hetzten nicht mehr von einer Aufregung zur Nächsten, halten eher mal inne und genießen. Du machst dich klein, wenn du müde bist, ich strecke mich aus, nutze den gesamten Platz, der mir zur Verfügung steht. Wie unterschiedlich wir doch sein können. Ich dusche täglich, du nie. Und wenn du mal duscht, riechst du hinterher nicht wesentlich besser, siehst nur etwas sauberer aus. Deine Schätze versteckst du neuerdings in meinen leeren Pflanzenkübeln. Was denkst du, passiert mit deinen Schätzten, wenn ich die ersten Frühjahrsblumen pflanze?
Was ich dir noch sagen wollte, es war keine Absicht von mir, dir mit meinem Schreibtischstuhl übers Ohr zu rollern, aber du musst zugeben, so klein ist mein Arbeitszimmer nicht, dass du nicht einen anderen Platz gefunden hättest, als dich genau hinter meinen Stuhl zu schleichen und dich dort niederzulassen. In Zukunft passe ich besser auf - fest versprochen. Und nun ab ins Körbchen - wuff.